Haltung, Kompetenz, Technik

Prof. Dr. Andreas Fröhlich

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Haltung, Kompetenz, Technik

von Prof. Dr. Andreas Fröhlich u. Peter Nydahl

Im Konzept der Basalen Stimulation, insbesondere im Bereich Basale Stimulation in der Pflege, tauchen immer wieder unterschiedliche Ansichten über Schwerpunktsetzung, Hauptcharakteristika und mögliche Fehlentwicklungen auf. Dabei stehen sich häufig zwei "Lager" gegenüber, die einen, für die Basale Stimulation im Wesentlichen eine Frage des Menschenbildes, der Überzeugungen und persönlichen positiven Einstellungen sind. Die andere Gruppe, für die Basale Stimulation neues Handwerkzeug bedeutet, pocht auf den konkreten Alltagsnutzen.  Gerade Anfänger des Konzeptes haben Schwierigkeiten, das Konzept umzusetzen, weil sie die Regeln vermissen. Experten und vor allem Weiterbildungsleiter legen mehr Wert auf die Haltung und Werte des Konzeptes und dessen intuitive Umsetzung. Die Konflikte in der Vermittlung sind damit vorprogrammiert.   Sind dies unversöhnliche Positionen? Wir denken, sie sind es nicht.  Schon allein die "basale Grundannahme", dass Menschen sich immer komplex verhalten, dass Menschen in der Existenzform ihres individuellen Körpers auf dieser Welt leben, bringt uns dazu, zu sehen, dass Überzeugungen, dass Einstellungen, dass Denken, Wünschen und Hoffen immer in konkretem Handeln Ausdruck finden. Und eben dieses konkrete Handeln ist nicht sinn- oder planlos, es ist immer auch getragen von Gefühlen, Motiven, und Überzeugungen.

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Prof. Dr. Andreas Fröhlich war von 1994 - 2008 als Professor am Institut für Sonderpädagogik der Universität Landau/Pfalz. Er studierte Pädagogik, Philosophie, Sonderpädagogik und Heilpädagogische Psychologie und arbeitete viele Jahre mit schwer mehrfachbehinderten Kindern im Rehabilitationszentrum Landstuhl. Anschließend war er Hochschullehrer und Professor in Mainz und Heidelberg. Seine intensiven Forschungen auf dem Gebiet schwerer Behinderung, Bewusstlosigkeit und Pflegebedürftigkeit führten u. a. zur Entwicklung des Konzepts der Basalen Stimulation.

Peter Nydahl, Krankenpfleger, Kursleiter Basale Stimulation in der Pflege, Weiterbildungsleiter für Basale Stimulation in der Pflege, Praxisanleiter, Pflegeexperte für Menschen im Wachkoma, Freiwilligregistrierter Krankenpfleger, seine lfd. Projekte finden Sie unter: www.nydahl.de


 

Der somatische Dialog, 1982

Zur psychischen Situation schwerst mehrfach behinderter Kinder
- Andreas Fröhlich (1982, Erstveröffentlichung)
Quelle: erschienen in: 25 Jahre Behindertenarbeit - Verein zur Förderung spastisch gelähmter und anderer körperbehinderter Kinder e.V. Münster 1982

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Der somatische Dialog

Zur psychischen Situation schwerst mehrfach behinderter Kinder
-Andreas Fröhlich
(1982, Erstveröffentlichung)

In den vergangenen Jahren rückte der Personenkreis der sog. schwerstbehinderten Kinder mehr und mehr in das Interessenfeld der rehabilitativen Disziplinen wie Psychologie, Medizin und Pädagogik. An verschiedenen Stellen wurde auf die besonderen Schwierigkeiten in der Förderung dieser Kinder hingewiesen, vielfältige Vorschläge zur Therapie und Erziehung dieser Kinder wurden gemacht. (Vgl. Breitinger/Fischer, Haupt/Fröhlich und andere.)
Die zur Frage stehenden Kinder zeichnen sich durch extreme Entwicklungsrückstände im psychomotorischen Bereich aus, hinzu kommen schwerste zerebrale Bewegungsstörungen und/oder Fehlbildungen. Eine Retardierung der intellektuellen Fähigkeiten ist ebenso zu beobachten. Die Kinder bieten insgesamt einen Eindruck stagnierter Entwicklung in allen Bereichen der Persönlichkeit.

Beschreibung von Symptomen
Wir haben über mehrere Jahre hin der körperlichen und der Wahrnehmungsentwicklung dieser Kinder besondere Aufmerksamkeit gewidmet, wobei wir zu wichtigen Erkenntnissen über Entwicklungsmöglichkeiten im Rahmen schwerster Einschränkungen gekommen sind. Jetzt will uns scheinen, dass es neben der motorischen und wahrnehmungsmäßigen; damit der kognitiven Seite der Entwicklungsstörung; auch Anzeichen gibt, die auf eine spezifische emotionale Schädigung hinweisen. Wir beobachten bei vielen Kindern immer wieder zunächst unerklärbare Schreiattacken; wir sehen Kinder, die sich die Haare ausreißen, die in den Augen bohren, die mit dem Kopf auf den Boden schlagen, die die Hände an den Zähnen reiben, bis sie zu bluten beginnen; aber auch Kinder mit geringeren Auffälligkeiten, wie Haare-drehen, monotones Streichen der Hände über bestimmte Körperpartien, Hin- und Herbewegen der Hand vor den Augen.
Gegenüber diesen aktiven Auffälligkeiten bemerkt man nicht so schnell eine Fülle von Verhaltensweisen bei diesen Kindern, die durch extreme Ruhe, Apathie, Nicht-Reagieren gekennzeichnet sind. Kinder, die in ihrer Entwicklung etwas weiter vorangekommen sind, zeigen oft einen auffälligen „Bedarf“ an Körperkontakt, den sie ohne Ansehen der Person, sei diese fremd oder bekannt, herzustellen versuchen.

Bisherige Erklärung
Ganz in Übereinstimmung mit der allgemeinen Lehrmeinung haben wir diese Verhaltensweisen als Stereotypien beschrieben. Gerade im vergangenen Jahr konnte eine Gruppe von Fachleuten, die sich besonders mit diesem Problem beschäftigen, auf einem Symposium in Würzburg hierüber Gedanken austauschen. Stereotypie wurde dort, fast einhellig, als ein Über- bzw. Unterforderungssymptom interpretiert. Das Kind versucht durch solche Stereotypien gewisse Defizite seiner Wahrnehmung zu kompensieren. Ein Kind, das ein nicht differenziertes Bedürfnis nach taktiler Stimulation im Bereich des Kopfes hat, kann vielleicht durch lerntheoretisch näher zu bestimmende Zusammenhänge darauf kommen, den Kopf auf den Boden zu schlagen und unabhängig von dem dabei
empfundenen Schmerz eine sensorische Befriedigung zu erfahren.
Stereotypie wird damit also nicht mehr als eine „unerwünschte Verhaltensweise“ beschrieben, die es schnellstens gilt, pädagogisch abzubauen, sondern als eine Verhaltensweise, die ein Signal für die besondere Bedürfnissituation dieses Kindes sein kann. Das therapeutische Vorgehen ist also nicht mehr im Abtrainieren zu suchen, sondern in einer sensorischen Anreicherung der von dem Kind bevorzugt gesuchten Dimension. In unserem Beispiel würde dies bedeuten: Man bietet dem Kind Kopfmassage an, man bietet ihm Fahrten auf rüttelndem Untergrund an, vestibuläre Anregungen durch Schaukeln und dergleichen mehr, um so sein genuines Bedürfnis nach dieser Art der Stimulation zu befriedigen. Dabei gibt man ihm gleichzeitig die Möglichkeit, unterschiedliche, differenzierbare Erfahrungen zu machen und so lernt das Kind, dass es nicht nur auf eine (stereotype) möglicherweise schädliche Form der Stimulation angewiesen ist.
Mit diesem gedanklichen Modell konnten wir in einigen Fällen tatsächlich recht erfolgreich arbeiten, und ähnliches erfolgreiches Arbeiten wird von Kollegen im Bereich der Geistigbehindertenförderung oder auch aus der Arbeit mit autistischen Kindern berichtet.

Weitere Interpretationsmöglichkeiten
Bei Bernhard Hassenstein fanden sich schon beim Säugling Zuordnungen sogenannter Stereotypien zu psychischen Auffälligkeiten: Wenn im Regelbereich, d. h. bei nur mäßig psychisch auffälligen Kindern ein solcher Zusammenhang besteht, so könnte man doch annehmen, lautete die vorläufige Hypothese, dass solche Zusammenhänge auch bei schwerstbehinderten Kindern bestehen könnten.
Gerade die Form der vestibulär betonten Stereotypien (Schaukeln, Schlagen, Hin und Her des Kopfes etc.) könnten in engem Zusammenhang mit der Entbehrung einer Dauerbezugsperson stehen, die ja in hohem Maße über vestibuläre Kanäle Beziehung vermittelt. Hiermit würde sich also über das oben angebotene und derzeit auch durchaus als progressiv geltende Interpretationsmodell ein weiteres Modell anfügen, dass auf besondere psychische Schädigungen bzw. Störungen abheben würde.
Im Folgenden soll nun versucht werden, diese Denkmöglichkeit näher darzulegen.

Körpererfahrung
Ursula Haupt, die seit einigen Jahren in unserem Projekt zur Förderung schwerstbehinderter Kinder uns wissenschaftlich berät und begleitet, hebt auf das Phänomen der „Körpererfahrung“ ab. Sie weist darauf hin, dass nach neueren Erkenntnissen der Neuropsychologie und Entwicklungspsychologie damit gerechnet werden kann, dass unser Körper unabhängig von der korticalen Wahrnehmung, d. h. von bewusstem Aufnehmen, selbst Erfahrungen speichern kann. Diese Wahrnehmungen sind aber nicht nur physischer, organischer Art, sondern ganzheitlich. Der Körper scheint auch emotionale Ereignisse, so z. B. für das Subjekt katastrophale Situationen, in einer diffusen, aber sehr nachhaltigen Art speichern zu können.

Haupt beschreibt einen dreijährigen Jungen mit spastischer Tetrapflegie nach Rötelembryopathie, fehlender Sprachentwicklung und schwerer geistiger Behinderung.
„Die Tetrapflegie war nicht extrem ausgeprägt. So konnte der Junge sich auf dem Boden rutschend fortbewegen. Er nahm keinerlei Kontakt auf, auch nicht zu seiner Mutter. Er hatte eine deutliche Abneigung gegen jeden Körperkontakt, ließ sich aber sehr gerne im Kinderwagen fahren“ (siehe Haupt / Fröhlich 1982, S. 55).
In einer Förderphase gelang es, ihm Freude an Materialien, Spieldingen zu vermitteln. Hilfe – durch Körperkontakt – lernte er langsam anzunehmen, Hören und Sehen wurden für ihn bedeutungsvoll.

Nachdem das Kind den Körperkontakt zu seiner Mutter offenbar schätzen gelernt hatte, wollte es unter keinen Umständen mehr darauf verzichten. Es schrie schrill und klammerte sich mit allen Anzeichen von Verzweiflung an seine Mutter. Auf Anraten der Autorin gab die Mutter dem so artikulierten Bedürfnis des Kindes nach und bot ihm über 3 Tage/Nächte den verlangten intensiven Körperkontakt an. Dann schien das Kind fast plötzlich zufrieden und benahm sich wieder „normal“.
Aus der Sicht des Pädagogen vermutet Haupt also, dass auch bei nur sehr schwach ausgebildeter Kognition, bei kaum registrierbarem Erinnerungsvermögen und einer nicht gesicherten Ausdrucksmöglichkeit dennoch einschneidende Erlebnisse im prä-, peri- und postnatalen Leben eines Kindes bestehen bleiben und durch besondere Situationen wieder lebendig werden können.

Ergebnisse der pränatalen Psychologie
Wir finden in der Literatur (Milacovic) deutliche Hinweise darauf, dass bereits nicht geborene Kinder infolge der Auseinandersetzungen mit den hormonell vermittelten Gefühlen und deren Schwankungen der Mutter Traum-Phasen benutzen, um wieder selbst „emotional“ ins Gleichgewicht zu kommen. Die Tatsache, dass bereits ungeborene Kinder mit hoher Wahrscheinlichkeit Traumarbeit leisten, deutet an, dass bereits auf sehr frühem Entwicklungsniveau sog. psychische Anteile der Person beteiligt sind.
Wenn Kinder auf so frühem Entwicklungsniveau unterschiedliche Gefühle erleben können, dann ist damit gezeigt, dass das Erleben und Verarbeiten von Gefühlen nicht zwangsläufig an ein bestimmtes, schon höher differenziertes, kognitives Niveau gebunden ist. Damit können wir thesenartig formulieren: Auch bei sehr schwer behinderten Kindern mit kaum registrierbaren korticalen Funktionen können durchaus emotionale Erfahrungen gemacht werden.

Biographische Daten
Aus einer selbst durchgeführten Befragung von etwa 30 Müttern schwerstbehinderter Kinder konnten einige Detailerkenntnisse über die frühe psycho-emotionale Situation derselben gewonnen werden. In einem überraschend hohen Anteil der zur Frage stehenden Schwangerschaften waren nicht nur physische Auffälligkeiten zu beobachten, wie Krankheit, Störung des Schwangerschaftsverlaufs, sondern auch eine Fülle von schweren psychischen Belastungen der Mutter, wie Trennung vom Ehemann, sehr starke wirtschaftliche Not, „schreckliche Erlebnisse“ wie Unfalltod der Mutter und dergleichen mehr.
Schon Kuhnert hat 1971 darauf hingewiesen, dass bei 66 Prozent der von ihr betreuten
schwer körperbehinderten Kinder die Schwangerschaften durch besonderen Stress der Mutter gekennzeichnet waren. Diese damals nur sehr zurückhaltend publizierten Ergebnisse gewinnen für mich neue Bedeutung unter dem Aspekt der psychoemotionalen Interaktion vom ungeborenen Kind und schwangerer Mutter.
Darüber hinaus konnte Kaspar in der von uns betreuten Population zeigen, dass die Zeit des ersten Lebensjahres durch lebensbedrohliche Zustände, medizinische Eingriffe und lange Hospitalisierungen für die Kinder als möglicherweise bedrohlich, deprivierend und permanent angstauslösend gewirkt haben kann (Kaspar 1978).

Schlussfolgerungen
Aus den hier sicherlich nur unzureichend ausgeführten Details lassen sich – weiterhin nur als Hypothese – einige Folgerungen ableiten. Die bislang als Symptome für unzureichende sensorische Verarbeitung interpretierten Stereotypien könnten auch ein Anzeichen für bestimmte psychische Problemsituationen sein. Die Einförmigkeit, mit der solche Sterotypien bei Kindern mit höchst unterschiedlicher Behinderung auftraten, lassen es unwahrscheinlich erscheinen, dass es sich um zufällig erworbene Verhaltensweisen handelt. Wir vermuten hier gemeinsame Ursachen, die diesen Verhaltensweisen zugrunde liegen. Beim zufälligen Erlernen bestimmter stimulierender Verhaltensweisen müsste die Palette der Stereotypien wesentlich weiter gestreut sein. Die allgemeine Symptomatik der Kinder kann neben der Beschreibung der körperlichen Schädigung und der durch die Hirnschädigung bedingten geistigen Schädigung besser verstanden werden, wenn im Sinne der Kinderpsychiatrie auch depressive Zustände mit in die Überlegung einbezogen werden. Die pränatale Psychologie gibt zumindest eine Bestätigung dafür, dass auch ohne Beteiligung höherer Bewusstseinsprozesse emotional aufgenommen, verarbeitet und gespeichert werden kann, sodass damit die Voraussetzung auch für missglückte Verarbeitung gegeben ist. Das Resultat aus körperlicher Beeinträchtigung, geistiger Behinderung und langer sozialer sensorischer Deprivation kann somit auch eine tiefe vitale Depression sein. Die Kinder konnten nicht lernen, dass Menschen liebevolle Zuwendung und zuverlässige Bedürfnisbefriedigung anbieten. Es erlebt seine Umwelt immer wieder neu als unverstehbar, bedrohlich und möglicherweise angsterzeugend.

Wir haben wohl, beeindruckt durch die schwersten körperlichen Behinderungen und extreme geistige Behinderung, diesen Aspekt menschlichen Daseins lange Zeit bei diesen Kindern vernachlässigt. Die jetzt erst besser systematisierte Arbeit im Hinblick auf die Interaktions- und Kommunikationsfähigkeit für Kinder in stabilen Beziehungen öffnet den Blick auf neue Probleme.

Therapeutische Ansätze
In dem Moment, indem man zu erkennen glaubt, dass es einem Menschen schlecht geht, sucht man nach Wegen der Verbesserung.
Wir haben lange Zeit, unter dem Aspekt sensorischer Stimulation, bei Kindern somatische Angebote (Basale Stimulation) gemacht. Wir haben dem Kind seine Körperoberfläche mit verschiedenen Materialien fühlbar und erfahrbar gemacht. In anderen Bereichen haben wir durch bestimmte gleichmäßige Rhythmen Aufmerksamkeit zu erzeugen versucht. Im Bereich der akustischen Anregung waren dies herzschlagähnlich gleichmäßige, fast monotone Rhythmen mit tiefer Frequenz, z. B. Schläge einer großen Trommel. Im somatischen Bereich fiel auf, dass insbesondere nach sehr langsamen Therapieeinheiten, die sehr gleichmäßig und ruhig durchgeführt wurden, eine Entspannung der Kinder zu beobachten ist.

Erst im Laufe der Zeit lernten wir an einzelnen Kindern Zusammenhänge im oben beschriebenen Sinne zu sehen. Es waren dann im Wesentlichen die anschaulichen Arbeiten von Léboyer, die es uns versuchen ließen, auf zusätzliche Stimulationsmaterialien bei bestimmten Kindern zu verzichten. Wir wandten eine nur leicht modifizierte Art der Massage an, wie sie Léboyer beschreibt. Dabei erfuhren wir, dass dies den Kindern über die sensorische Anregung hinaus tiefe Entspannung zu geben scheint. Wir ergänzten dies dann durch zusätzliche intensive liebevolle Kopfmassage, aber auch durch sehr kräftig eingesetzte, sehr körperbezogene „Balgereien“, in denen besonders der aggressive Anteil, der hinter depressiven Zuständen liegen kann, angesprochen wurde.
Bei manchen Kindern ist es dann möglich – dies vorerst als vorsichtige Andeutung – die in bestimmten stereotypen Formen liegende Autoaggression auf ein Gegenüber zu richten, das seinerseits nicht mit Aggressionen antwortet. Hierbei scheint es wichtig, dass dies nicht im Sinne eines passiv-stummen Leidens geschieht, sondern dass die Interaktion dabei sehr zugewandt erhalten bleibt. Die Uminterpretation in dieser Interaktion erfolgt durch den Therapeuten bzw. Pädagogen, der die Aggression aufnimmt, sich als Ziel anbietet, aber eine gewisse spielerische Komponente beibehält. Wichtig ist es, so deutet es sich für uns jedenfalls an, dem Kind jeweils noch Alternativen des Verhaltens anzubieten: Zum Schlagen und Schreien, oder zum Sich-Beißen ein Schlagen auf etwas, was sehr viel Lärm macht.
Man muss hierbei immer daran denken, dass es sich um ein äußerst unklares Vorgehen handelt, da wir ja über den inneren Zustand dieser Kinder nur sehr indirekt Informationen bekommen. Eine sprachliche Verständigung ist nicht möglich. Auch andere Zeichen oder Hinweise können wegen der schweren geistigen Retardierung dieser Kinder von diesen nicht vermittelt werden.

Somatischer Dialog
Wir haben in der Zeit unserer Arbeit mit schwerstbehinderten Kindern erfahren, dass der Körper zu einer sehr weiten Interaktion und Kommunikation fähig ist. Streicheln und Drücken, Berühren und Fühlen, die Stimme eines anderen fühlen, dies alles sind nur unzureichende sprachliche Formulierungen für Verständigungsmöglichkeiten. In unserer Zivilisation beschränken sich solche somatischen Dialoge auf enge Liebesbeziehungen zwischen der Mutter und dem sehr kleinen Kind oder Erwachsenenliebe – wenn sie sich diese Sensibilität erhalten haben.
In der Arbeit mit diesen sehr schwer behinderten Kindern, denen keine der sogenannten „höheren Kommunikationsformen“ zur Verfügung stehen, muss auf diesen somatischen Dialog zurückgegriffen werden, wenn wir überhaupt Interaktion herstellen wollen.

Abschließende Bemerkung
Mit der Erkenntnis, dass auch bei schwerstbehinderten Kindern psychodynamische Prozesse mit aller Vehemenz und mit allen denkbaren Folgen ablaufen, gewinnt die Arbeit eine neue Perspektive. Ging es bislang um eine kognitive und sensorisch-perzeptive
Verbesserung der Ausgangssituation dieser Kinder, so kommt nun ein psychohygienisch psychotherapeutischer Aspekt hinzu. Damit wird die Arbeit deutlich anspruchsvoller und komplizierter. Die unausweichlich enge Verknüpfung somatischer Anregung mit emotionalem Kontakt in Verbindung von Beziehung und Stimulation mach die Arbeit risikobehaftet. Dies heißt mit anderen Worten, Basale Stimulation scheint nicht nur eine Physiotherapie zu sein, sondern auch eine Psychotherapie. Und damit ist die Indikationsstellung strenger zu handhaben. Die Anforderungen an den, der sie durchführt, sind wesentlich zu erhöhen.
Diese Erweiterung des Konzeptes, verbunden mit einer kritischen Einschätzung des Einsatzes, soll keine Zurücknahme bisheriger Positionen bedeuten, soll aber eindrücklich darauf hinweisen, dass auch schwerstbehinderte Kinder als eine psychosomatische Ganzheit zu sehen sind.

[Literaturverzeichnis]
Breitinger, M./Fischer, D.: Intensivbehinderte lernen leben. Würzburg 1981.
Fröhlich, A.: Die Förderung Schwerstbehinderter – Erfahrungen aus sieben Ländern. Luzern 1981. Hassenstein, B.: Verhaltensbiologie des Kindes. München-Zürich 1973.
Haupt, U.: Bedeutung und Grenzen eines Entwicklungsmodells in der Förderung schwerstbehinderter Kinder, in: Haupt, U./Fröhlich, A.
Haupt, U./Fröhlich, A.: Entwicklungsförderung schwerstbehinderter Kinder. Mainz 1982.
Herzka, St.: Kinderpsychopathologie. Basel/Stuttgart 1981.
Kasper, L.: Sozialentwicklung schwerstbehinderter Kinder. Wiss. Hausarbeit Mainz 1978.
Kunert, S.: Die psychische Situation von Eltern behinderter Kinder, in: Matthiaß/Bruster/v. Zimmermann: Spastisch gelähmte Kinder. Stuttgart 1971.
Kwiatkowski, E.: Psychotherapie als subjektiver Prozess. Weinheim/Basel 1980.
Leboyer, F.: Sanfte Hände. München 1980
Milakovic, J.: Vorgeburtliche Erfahrungen der Realität und Anpassungsprozesse, in: Han/Schindler: Pränatale und Perinatale Psychosomatik. Stuttgart 1982.


 

Der Somatischer Dialog

- ein Berührungsdialog
 
Gedanken zu Gesprächen jenseits der Sprachlosigkeit
Prof. Dr. Andreas Fröhlich
 
Vortrag in Kehl am Rhein, bei Strassburg, November 2009

Ergänzungen zum Somatischen Dialog, Prof. Dr. Andreas Fröhlich, 2012

(nachfolgend die beiden Texte)

Der Somatische Dialog - ein Berührungsdialog

Gedanken zu Gesprächen jenseits der Sprachlosigkeit

Andreas Fröhlich

Wenn Menschen ihre Sprach- und Sprechfähigkeit verloren haben, dann drohen sie in Einsamkeit und Isolation zu geraten. Sie können ihre unmittelbaren Bedürfnisse nicht mehr auf die gewohnte Art vermitteln, sie können Wünsche, Ideen und vor allem auch Gefühle nicht mehr zum Ausdruck bringen.
Diese Sprachlosigkeit betrifft aber auch die bisherigen Gesprächspartner. Auch sie verstummen, weil ihnen die Ausdrucksmöglichkeiten fehlen, weil sie merken, dass sie mit den bisherigen Kommunikationsgewohnheiten ihr Gegenüber nicht mehr erreichen.
Dies ist ein belastender, ja bedrückender Zustand wechselseitiger Hilflosigkeit.
Aber beide Menschen sind physisch anwesend. Ihre Köper sind da, leben, atmen (vielleicht der eine mit technischer Unterstützung), bewegen sich, wenn vielleicht auch nur minimal. Diese körperliche  - somatische - Anwesenheit macht etwas möglich, was wir den
‚somatischen Dialog‘ nennen.
Körper kommen miteinander in Berührung, Haut spürt Haut, Wärme oder Kühle, Bewegung oder Ruhe.
Eine Bewegung, sei sie noch so klein, kann zum Spüren eines Widerstandes führen. Dieser Widerstand gibt nach, wird stärker, modifiziert sich. Es kommt ‚Bewegung ins Spiel‘, Berührung wird zur Interaktion.
Wir können lernen, diese einfache Ausgangssituation zu gestalten:
durch eine ritualisierte Initialberührung
durch flächig-intensive, gut spürbare Berührung
durch konstante Berührung
durch Angebote von Mikrobewegungen
durch bewusstes Ausklingen-lassen von Berührung.
Ein Dialog entsteht dann, wenn Signale ausgetauscht werden, wenn der eine auf die Signale des anderen eingeht und reagiert. In der Wiederholung kann vermittelt werden, dass einzelne Bewegungsimpulse als Zeichen akzeptiert werden, dass diese Zeichen für ein Bedürfnis, einen Wunsch, ein Gefühl sein können - und Beantwortung finden.
Solche Bewegungsimpulse können u.a. sein:
Veränderung der Atmung, Anspannung der Bauchmuskulatur, Strecken des Beines, aber auch viel diskretere Zeichen, wie Speichelfluss oder Transpiration.
Der somatische Dialog ist eine Art der ‚analogen Kommunikation‘ (Watzlawick), über Berührung und Bewegung kann ein ganzheitlicher Austausch erreicht werden. Für die Beteiligten kommt es zu einer deutlichen Verminderung der Isolation, zu Stressreduzierung und damit zu einer verbesserten Ausgangssituation für heilsame  individuelle Entwicklungen.
Unabdingbar ist allerdings die Bereitschaft, sich auf erst einmal unscheinbare Signale einzulassen, sie als individuellen Ausdruck ernst zu nehmen. Man muss in der Lage sein, sich die nötige Ruhe zu organisieren, innerlich wie äusserlich. Der somatische Dialog braucht einen schützenden Rahmen.
Und die neue „Sprache“ muss anderen zugänglich gemacht werden, sie darf kein „Geheimwissen“ bleiben.

Ergänzende Gedanken zum „Somatischen Dialog“

Andreas Fröhlich 2012

Der Somatische Dialog wurde von mir 1982 erstmals beschrieben. Es sind also jetzt dreißig Jahre, dass dieser wichtige Bestandteil des Konzeptes Basale Stimulation Wirkung entfalten konnte. Er hat aber nicht nur das Konzept mit geprägt, sondern hat in die allgemeine Kommunikationsförderung (UK) schwer beeinträchtigter Menschen Eingang gefunden.

Die Kommunikation über den Körper, von Körper zu Körper, war in den 1980er Jahren sowohl in der Pädagogik, als auch in den verwandten therapeutischen Bereichen ungewöhnlich, nahezu skandalös. Körperferne galt als wichtiges Merkmal pädagogischer und therapeutischer Arbeit.

Die Hilflosigkeit der etablierten Fachkollegen angesichts sehr schwer mehrfach behinderter Menschen führte zu einer gewissen „Großzügigkeit“, in diesen speziellen Fällen tolerierte man das Abweichen von den klassischen Vorgehensweisen.

Der Somatische Dialog ist nicht ohne die Arbeit von Ursula Haupt zu denken. Sie hat mit ihrer psychotherapeutisch orientierten Pädagogik die Landstuhler Arbeit sehr beeinflusst. Fragen der Depressivität von schwer behinderten Kindern, Rückzug als psychogene Reaktion, andere als die damals üblichen Interpretationen selbstverletzenden Verhaltens, der Respekt vor dem „ Nicht-mehr-Leben-wollen“ dieser Kinder kennzeichnen ihren Einfluss.

Der Somatische Dialog verstand sich in erster Linie als ein Ansatz, diese Kinder zu verstehen, ihnen die eigenen Gefühle (Wut, Angst, Schmerz, aber auch Freude und Bedürfnis nach Nähe) zu spiegeln, sie erlebbar zu machen, ihnen - auch ohne Worte - einen Namen zu geben. Dieser Dialog war therapeutisch gedacht. Er entstand zu allererst aus therapeutisch gemeinter Arbeit mit Silke S., die sich - für uns unerklärlich - schlug, biss, dabei heftig schrie und in hohe Erregung kam. (Ein früher S-8 Film belegt diese Arbeit.)

Nach und nach konnten wir diese Art der Kommunikation neben dem von Papousek geprägten und von uns adaptierten Baby-Talk einsetzen.

Für mich ist diese spezielle Dialogform heute ein Kernstück der basalen Arbeit mit allen nicht sprechenden Menschen, die in gewisser Hinsicht ein seelisches Thema bearbeiten müssen.

Aus diesem Grund erfordert die Arbeit im Somatischen Dialog auch therapeutische Kompetenzen und Verantwortung.

In den letzten Jahren wurden in ganz anderen Zusammenhängen von ganz anderen Forschern Erkenntnisse gewonnen, die die eigentliche Wirkungsweise des Somatischen Dialoges für mich neu beleuchten: die Spiegelneurone.

Wir glauben heute zu wissen, dass es tatsächlich ein organisches Äquivalent für mitfühlendes Verstehen, für ein Sich-hinein-Versetzen in andere Menschen gibt. Diese Gehirnaktivitäten finden in der Regel wechselseitig bei den Partnern einer dialogischen Situation statt. Die Spiegelneurone - so der derzeitige Kenntnisstand - vermitteln uns einen Eindruck von dem, was unser Gegenüber in der aktuellen gemeinsamen Situation erlebt, wie die affektive Einfärbung bei ihm sein könnte. Dadurch sind wir in der Lage, uns emotional auf ihn und sein Erleben einzustellen. Wir reden nicht aneinander vorbei - in den meisten Fällen und Situationen wenigstens.

Die entscheidende Feststellung: die höchste Übereinstimmung der wechselseitigen Mitschwingung entsteht dann, wenn die Beteiligten sich gemeinsam oder der eine den anderen imitierend  b e w e g e n.

Bekannt ist: wir verstehen uns ohne Worte beim Tanzen (wenn wir die Grundmuster beherrschen), bei manchen Sportarten, oder auch bei bewegungsorientierten Arbeiten (schauen Sie einmal Dachdeckern oder Gerüstbauern zu, wenn sie sich Material zureichen oder -werfen. Das hat tänzerisch harmonische Qualitäten.)

Der Somatische Dialog mit seinen eher feinen Bewegungen ermöglicht es, sich in die aktuelle Befindlichkeit des anderen ohne Worte hinein zu begeben. Die Anspannung der Finger, die Haltung der Hände, die Atembewegung des Brustkorbes, das Pendeln des Kopfes und vieles mehr geben uns die Möglichkeit unsere Spiegelneurone einzusetzen. Wir „imitieren“ die Bewegungen - nicht um etwas zu zeigen, sondern um etwas zu spüren! - und bekommen über unsere Spiegelneurone Informationen über ein uns zunächst fremdes Befinden. Wie ist es, wie fühlt man sich (ungefähr) wenn man so lange und so fest die Finger steif und fest anspannt...

Wir nähern uns der affektiven Lage unseres Gegenüber an und können auf der Basis dieses Verstehens eher „Antworten“ finden, die zu einer aktuellen Entwicklung oder gar Lösung führen.

Im Somatischen Dialog können wir dann wieder durch Bewegung unseres eigenen Körpers, durch Berührung, durch gemeinsame Bewegung Angebote machen, die Situation ein klein wenig anders, angenehmer, entspannter, offener zu erleben.

Wiederum ohne Worte, ohne pädagogische Aufforderung, ohne Appell sondern „nur“ durch die Kraft der wechselseitigen Mitbewegung.

Es bleibt auch nach dreißig Jahren, dass der Somatische Dialog kein Mittel der Unterhaltung ist, auch keine Variante von Unterstützter Kommunikation, sondern eine sehr individuell zu gestaltende, körperbezogene Dialogform, deren vorrangiger Inhalt die Problembearbeitung eines Menschen ist.

Die Forschungen zu den Spiegelneuronen haben - wie andere Forschungen aus den Neurowissenschaften auch - weitere Belege gebracht, dass das Konzept Basale Stimulation mit den humanwissenschaftlichen Grundlagenforschungen in hoher Übereinstimmung steht.


Historie - Meilensteine

Entwicklung und Förderung Körperbehinderter -
Wissenschaftliche Forschung und pädagogische Praxis

Artikel von Prof. Dr. Andreas Fröhlich, 1986

6. Schwerstbehinderte

Vitale seelische Probleme schwerstbehinderter Kinder und Jugendlicher
Andreas Fröhlich
Vorbemerkung
Die hier ausgeführten Gedanken sind in der engen, langjährigen Zusammenarbeit mit Ursula Haupt entstanden. Es ist dem Verfasser jedoch nicht möglich, diese Anteile, z. B. in Form von Zitaten, zu kennzeichnen. So sind die folgenden Seiten als Darstellung gemeinsamer Überlegungen zu verstehen, nicht als Arbeit eines einzelnen.
Zum Personenkreis
Auf eine einengende Diskussion und Definition des von uns gemeinten Personenkreises soll hier verzichtet werden. Doch muß deutlich gemacht werden, daß der Kreis enger gezogen wird, als in den Beiträgen von KUNERT und OSKAMP in diesem Band.
Wir sprechen von mehrfach schwerstbehinderten Kindern, deren Gesamtentwicklung nur in eine vorsichtige Beziehung zu Phasen des ersten Lebensjahres beim gesunden Kind gebracht werden kann (vergl. Haupt und Fröhlich, 1982, S.20 ff.).
Allerdings beschreibt Mall (in Vorb.) neuerdings ganz ähnliche Phänomene auch bei schwer Geistigbehinderten, so daß sicherlich die Personengruppe unter dem Aspekt der vitalen Depression auch anders beschrieben werden könnte.
Ganzheitliche Entwicklung
Ohne auf die wissenschaftstheoretischen Probleme der Beschreibung von Ganzheiten einzugehen, sei hier an den Anfang ein Modell gestellt, das uns eine Vorstellung von den Wechselwirkungen innerhalb der Entwicklung eines Menschen geben kann.
Haupt hat diese sieben Bereiche als besonders wichtig und charakteristisch für die menschliche Entwicklung erkannt und zusammengestellt.
Man muß sich vor Augen halten, daß die jeweils genannten Bereiche zu jedem anderen in der Beziehung eines andauernden Austausches stehen. Kein Bereich kann aktiviert werden, ohne die anderen spezifisch mit anzuregen und zu beeinflussen. Zwar können Erwachsene sich willkürlich auf einen Aspekt konzentrieren – so der Leser auf seine Kognition – doch sind alle anderen in jeder Lebenssituation mitbeteiligt, wenn auch nicht immer bewußt.

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Quelle: Entwicklung und Förderung Körperbehinderter
Wissenschaftliche Forschung und pädagogische Praxis
Herausgegeben von Forschungsgemeinschaft „Das körperbehinderte Kind“ e. V. Bearbeitet von
Christoph Leyendecker und Annemarie Fritz
Verlag Edition Schindele . Heidelberg, 1986

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