Der Mensch mit schwerer geistiger Behinderung
als Person:
Selbstwahrnehmung und Lebensqualität in sozialen Beziehungen
Sowohl in der geisteswissenschaftlichen Tradition als auch in der neueren,
neurowissenschaftlich geprägten Diskussion steht der „Geist“ im Zentrum der Frage nach
dem Menschen. Der anscheinend umfassende Verlust geistiger Fähigkeiten oder eine
verhinderte Entwicklung solcher Fähigkeiten lässt immer wieder Zweifel aufkommen, ob
denn einem Menschen ohne sog. reflexives Bewusstsein Personqualität zugesprochen
werden kann.
Nun existieren aber solche Menschen, möglicherweise steigt sogar ihre Zahl, und es
besteht die Notwendigkeit sie in unser Menschenkonzept einzubeziehen - wir sprechen
von Inklusion. Der Mensch erweisst sich, wie die Natur insgesamt, nicht als normierbares
Durchschnittsvorkommen von Eigenschaften, sondern als sehr individuelle Ausgestaltung
breitest gestreuter Möglichkeiten. Auch scheinbar extreme Varianten der menschlichen
Existenz gehören zum Mensch-Sein, sie können nicht per definitionem ausgeschlossen
werden.
Auch die Traditionen der Pathologisierung sind ein letztlich untauglicher Versuch,
„Ordnung zu schaffen“. Ob medizinische Klassifikation oder pädagogische Zuschreibung
eines auffälligen Verhaltens: dokumentiert wird das Unverständnis des (professionellen)
Betrachters.
Es soll nicht bezweifelt werden, dass auf der Ebene der Funktionen (WHO) eine schwere
geistige Behinderung eine Vielzahl von schwer wiegenden Veränderungen mit sich bringt,
dass gehäuft spezifische gesundheitliche Störungen sich massiv auf das Befinden der
davon betroffenen Person auswirken. Wir wissen, dass Ess-Störungen, Schlaf-Störungen,
Seh-Einschränkungen, Hör-reduktionen, Anfallserkrankungen, orthopädische und
neurologische Funktionseinbussen zu beobachten sind - dennoch ist festzuhalten: auch
ein schwer geistig behinderter Mensch kann sich wohl befinden, als gesund und vor allem
als eigenständige Person erleben.
Aber...
die erlebte Welt eines schwer in seinen kognitiven Funktionen eingeschränkten Menschen
scheint sich nach unserem Wissen von der unsrigen zu unterscheiden. Bei vielen
Menschen mit einer solchen Einschränkung dominieren die Nahsinne über die Fernsinne.
Fühlen, riechen, schmecken sind informativer als sehen und hören. Das wirkt sich
natürlich unmittelbar in der zwischenmenschlichen Kommunikation aus, direkter
Körperkontakt kann für jemanden die einzige Möglichkeit sein, ein Gegenüber zu
identifizieren - dies aus unserer kulturellen Erziehung als „klebrig-distanzlos“ zu
bezeichnen, beweisst nur unser Unwissen hinsichtlich einer veränderten
Wahrnehmungsorganisation.
Ein durch seine Funktionsveränderungen sehr bewegungsarmer Mensch entwickelt über
Jahre hin ein anderes Körperselbstbild. Manches weisst darauf hin, dass der aus
Kinderzeichnungen bekannte „Kopffüssler“ in Wirklichkeit existiert - in der
Selbstwahrnehmung kognitiv und motorisch schwer eingeschränkter Menschen. Auch dies
hat unmittelbar praktische Konsequenzen. Lokalisierung von Schmerz ist erschwert,
Aktivitätsimpulse durch Berührung bleiben unverständlich, panisches Verhalten bei
Berührung durch Dritte macht so gesehen durchaus Sinn.
Professionelle Helfer, Begleiter und eben auch Ärzte müssen die Gelegenheit bekommen,
solche Phänomene auf dem Hintergrund der individuellen Veränderung zu sehen, zu
verstehen und daraus Handlungsformen abzuleiten.
In sozialen Beziehungen ist die wechselseitige „Lesbarkeit“ von grösster Bedeutung. Aber
nicht nur die Lesbarkeit des Verhaltens geistig schwer behinderter Menschen muss erlernt
werden, sondern auch die eigene Lesbarkeit ist zu überprüfen. Gesprochene Sprache,
Mimik, Haltung und Gestik - um einige Komponenten zu nennen - befinden sich häufig
nicht in Übereinstimmung. Unterschiedliche Signale gehen von uns aus, verwirren den
wahrnehmungs- und kognitionsbeeinträchtigten Menschen in hohem Masse. Er erkennt
nicht, welches die für ihn relevanten Informationen sein sollen. Unsicherheit, Angst, Panik
und möglicherweise radikaler Rückzug sind die logische Konsequenz.
Letztlich ist es ganz einfach nachzuvollziehen, wenn auch nicht einfach umzusetzen:
Lebensqualität in sozialen Beziehungen erleben wir dann, wenn die soziale Umgebung,
eben Menschen, mit denen wir zu tun haben, uns nicht ständig in Frage stellt, sondern
akzeptiert, wenn kommunikativer Austausch stattfindet, wenn das Gegenüber unsere
aktuelle Befindlichkeit berücksichtigen kann, wenn Anregung und In-Ruhe-gelassen-
werden in einem ausgeglichenen Verhältnis stehen.
In einem neueren Verständnis von Behinderung (WHO, UN-Charta) ist Behinderung
etwas, was sich z w i s c h e n Personen ereignet, nicht etwas, was einer einzelnen
Person „anhängt“. Schwere geistige Behinderung ist demnach eine Beeinträchtigung
insbesondere des kognitiven Austauschen zwischen Menschen, die die beteiligten
Kommunikationspartner erheblich herausfordert. Für mich ist es Aufgabe meiner
Wissenschaft solche Phänomene zu erkennen, ihre Dynamik zu analysieren und dann den
davon Betroffenen Anregungen zu geben, mit den veränderten, ungewohnten
Bedingungen kreativ umzugehen.
Kommunikationsbeeinträchtigungen haben in allen zwischenmenschlichen Beziehungen
das höchste Negativpotenzial hinsichtlich der Lebensqualität der Beteiligten. Die eher
kindliche Sicht auf ein Gegenüber: “du bist blöd!“ steigert nur selten die Lebensqualität in
sozialen Beziehungen.
Prof. Dr. Andreas Fröhlich Universität Landau
Vortrag-Berlin, 2008
Die UN-Konvention ...
Rechte behinderter Menschen
- ein Schatz, den wir heben müssen!
Vortrag gehalten beim 10. Januar-Gespräch am Samstag, 17. Januar 2009,
im Wappensaal des Landtages von Rheinland-Pfalz
Wenn die Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Behinderter e.V. einem ein
solches Thema stellt, so kann man sich nicht entziehen. Ja, man möchte nicht
einmal ein Komma ändern und muss sich also mit der Frage nach dem Schatz
auseinandersetzen. Ein Schatz? Zunächst kamen mir Märchen in den Sinn, in
denen ein Schatz eine besondere Rolle spielt: der Goldklumpen des Hans im
Glück, der Goldregen der Gold-Marie in der Frau Holle oder eben die
Schatzhöhle im orientalischen Märchen von Ali Baba und den 40 Räubern.
Ein Schatz funkelt und glitzert, ist verheißungsvoll, verspricht Glück – und gle-
ichzeitig erleben wir in den Märchen, welche Risiken ein solcher Schatz meist
bietet.
Auf die Sache mit den Märchen werde ich ganz am Schluss noch einmal einge-
hen.
Gesamter Text von Prof. Dr. Andreas Fröhlich im PDF-Format zum Download
Kommunikationsansatz - Der somatische Dialog
Kommunikationsansatz nach Andreas Fröhlich
Der "Somatische Dialog"
Es stellt sich angesichts der hochtechnisierten Kommunikationsgesellschaft, in der wir Menschen Leben, berechtigter Weise die Frage nach dem Verbleiben schwerstbehinderter Menschen, die die alternativen Mitteilungssysteme der sogenannten unterstützten Kommunikation wie beispielsweise Bildtafeln oder elektronische Geräte zur Sprachausgabe, die speziell zur Förderung nichtsprechender Menschen entwickelt wurden, für ihre Verständigung bzw. zur Äußerung ihrer Gefühle und Bedürfnisse nicht nutzen können. Sie lassen sich nicht so einfach vernetzen, sie zeigen uns deutlich ihre Grenzen unserer technischen Welt. Ihre Beeinträchtigung ist so schwerwiegend, dass sie eben nicht nur die "technische" Seite des Sprechens, die Artikulation, (die mittels der unterstützten Kommunikation ausgeglichen werden kann, betrifft), sondern weit mehr die grundlegenden Möglichkeiten, in einer Sprache zu denken und dieses dann in einer systematischen, für andere verstehbaren Form zum Ausdruck zu bringen. Sie wirkt sich auf beide Kommunikationspartner aus, denn Kommunikation ist als ein wechselseitiger Prozess aufzufassen, der aus einem ständigen Geben und Nehmen besteht. Kommt es nicht zu einer Verständigung zwischen den Kommunikationspartnern, gelingt es ihnen nicht eine Gemeinsamkeit herzustellen, d. h. das eigentliche Ziel von Kommunikation wird nicht erreicht. Um so wichtiger ist es, sich auf die Suche nach einer gemeinsamen Sprache zu machen, um mit schwerstbehinderten Menschen in Kommunikation treten zu können und ihnen damit zu helfen, ihren Platz innerhalb der Gesellschaft zu finden, notwendige und befriedende Beziehungen herzustellen.
Kommunikation besteht nicht nur aus verbalen, sondern auch aus nonverbalen Ausdrucksmöglichkeiten. Nachdem eine Beeinträchtigung der verbalen Kommunikation aufgezeigt wurde, soll nun die nonverbale Kommunikation betrachtet werden.
Gemeinsame Schritte
Basale Stimulation
- Gemeinsame Schritte in eine erfahrbare Welt -
von Prof. Dr. Andreas Fröhlich
Für wen ist Basale Stimulation gedacht?
Zunächst wurde dieses Konzept ausschließlich für schwerst mehrfachbehinderte Kinder entwickelt, die meist durch frühkindliche Hirnschädigung in sehr vielen Entwicklungsbereichen gravierend beeinträchtigt waren. Mittlerweile hat das Konzept auch in anderen Bereichen, insbesondere in der Krankenpflege Anwendung gefunden. Hier geht es jedoch um den ursprünglichen Personenkreis, d. h. Kinder und Jugendliche, die meist schon von Beginn ihres Lebens schwere Entwicklungseinschränkungen zu erdulden hatten.
Bildung für Alle - Arbeit für Alle
Bildung für Alle - Arbeit für Alle?
von Prof. Dr. Andreas Fröhlich
Können wir wirklich angesichts von 5 Millionen arbeitslosen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland, können wir wirklich und ernsthaft die Forderung aufstellen, Menschen mit schwersten Behinderrungen, Menschen mit umfassenden Hilfebedarf in allen Lebenssituationen einen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen? Sind dies nicht provozierende Forderungen? Oder ist es nur einfach konsequent, stets alle Menschen in gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Überlegungen einzubeziehen, eben auch Menschen mit schwersten Behinderungen und umfassenden Hilfebedarf?
Recht auf Bildung

